Frauen, Migrantinnen, Arbeiterinnen: Ich habe „Die Optimistinnen“ gelesen und du solltest das auch machen!

Nachdem ich „Die Optimistinnen“ von Gün Tank gelesen habe, ist mir klar geworden, wie wenig ich über migrantische Arbeiterinnen in der BRD der 1950er bis 70er Jahre weiß. Und das, obwohl sie so viel für sich und andere erstritten haben.

Der folgende Text ist ein Ausschnitt aus einem längeren Paper zum Kampf um Geschlechtergerechtigkeit. In diesem Abschnitt kommen zwei Quellen vor: Erstens, ein Buch von Monika Mattes (da es leider nicht frei verfügbar ist, verlinke ich hier einen Artikel, den sie zum selben Thema für die BpB geschrieben hat). Zweitens, Informationen über den Pierburg-Streik zusammengestellt vom Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland. Falls ihr also direkt an die Quelle wollt, klickt direkt rüber, ich fasse die beiden hier vor allem zusammen.

„Immer mehr Frauen strömen aus dem Gebäude und setzen sich vor das Tor. Ira drückt Tülay mehrere Flugblätter zum Verteilen in die Hand. Gemeinsam mit den anderen Frauen rufen sie: ‚Eine Mark mehr! Eine Mark mehr!‛“ (Tank 2022, S. 165)

Die Lebensbedingungen und Arbeitskämpfe sogenannter „Gastarbeiterinnen“ in der BRD der 1950er bis 70er Jahre kamen im öffentlichen Diskurs, vor allem verglichen mit denen ihrer Kollegen, kaum vor (Mattes 2005). Frauen aus Italien, Griechenland, Spanien, Türkei, Portugal und Jugoslawien wurden über die mit diesen Ländern bestehenden Abkommen nach Deutschland vermittelt (Mattes 2005). Von den fast zwei Millionen nichtdeutschen Staatsbürger*innen, die Ende 1970 in der BRD beschäftigt waren, war rund ein Drittel weiblich (Mattes 2005).

Zwischen 1961 und 1972 hatte sich aufgrund der Anwerbepolitik der BRD die Anzahl der migrantischen Arbeiterinnen von 43.200 auf 706.000 erhöht (Mattes 2005). 75 – 80 % der migrantischen Frauen in Deutschland zwischen 20 und 40 Jahren arbeiteten, während es bei den deutschen Frauen im gleichen Alter nur 43 – 66 % waren (Mattes 2005). Dies lag vor allem an den unterschiedlichen Erwartungen, die an sie gestellt wurden.

Mattes (2005, S. 220) schreibt:

„Ihre bloße Präsenz berührte neuralgische Punkte im geschlechter- und familienpolitischen Selbstverständnis der Bundesrepublik, gaben migrantische Arbeiterinnen doch auf dem höchstmöglichen Erwerb abgestellten Migrationsprojekten eindeutig Vorrang. Sie gingen einer Vollzeiterwerbstätigkeit nach und lebten nicht selten über Jahre getrennt von ihren Familien und Kindern.“

Migrantische Arbeiterinnen waren vor allem in Textil- und Bekleidungs- sowie Nahrungs- und Genussmittelindustrie beschäftigt (Mattes 2005). Viele waren aber auch in der Elektrotechnik und im Dienstleistungsbereich, in Pflege, Hotels und Gaststätten oder in der Innenraumreinigung, tätig (Mattes 2005). 1968 waren dabei 96 % der Frauen un- oder angelernte Arbeiterinnen und auch 1972 lag der Anteil der Facharbeiterinnen unter den migrantischen Frauen bei 2 % (Mattes 2005). Ein Aufstieg war für sie, genauso wie für deutsche Frauen, nicht vorgesehen (Mattes 2005). Während zwei Drittel der migrantischen Arbeiter 1972 6 DM oder mehr pro Stunde verdienten, verdienten drei Viertel der Frauen weniger als 6 DM pro Stunde (Mattes 2005). 37 % von ihnen verdienten sogar nur unter 5 bis 4 DM (Mattes 2005). Sowohl deutsche als auch migrantische Arbeiterinnen wurden fast ausschließlich in Leichtlohngruppen beschäftigt, die dadurch zustande kamen, dass bei der Arbeitsplatzbewertung typische Frauenaufgaben kaum berücksichtigt wurden (Mattes 2005). Das schlechtere Einkommen wurde außerdem damit begründet, Frauen leisteten körperlich leichtere und insgesamt einfachere Arbeit als Männer (Mattes 2005). So lagen die Stundenlöhne der migrantischen und deutschen Frauen deutlich näher zusammen als die der Männer (Mattes 2005).

Trotzdem gab es zwischen den deutschen und migrantischen Arbeiterinnen Unterschiede. Von Zweiteren wurde zum Beispiel eine deutlich größere Einsetzbarkeit erwartet (Mattes 2005). Auch wenn sie verheiratet waren, wurden sie als „lediggehend“ bezeichnet (Mattes 2005, S. 229). Von ihnen wurde Dankbarkeit und Genügsamkeit erwartet. Sie sollten sich nicht nach besseren Arbeitsbedingungen sehnen oder diese gar fordern (Mattes 2005). Diese Erwartung wurden allerdings in der Öffentlichkeit kaum diskutiert, denn sie hätte die Frage aufgeworfen, warum bei deutschen Frauen, die, nachdem sie geheiratet hatten meistens nicht, oder nur in Teilzeit arbeiteten, andere Maßstäbe angelegt wurden (Mattes 2005).

Außerdem fanden sich migrantische Arbeiterinnen nicht in öffentlichen Diskursen wieder, weil „Frauenthemen“ die Gleichberechtigung deutscher Frauen berührten und mit „Ausländer-Themen“ vor allem Männer oder soziale Probleme migrantischer Familien gemeint waren (Mattes 2005).

Trotz dieser Unsichtbarmachung kämpften migrantische Arbeiterinnen immer wieder für bessere Arbeitsbedingungen. So zum Beispiel 1957 in Barsinghausen, wo ein neues Bahlsen Werk gebaut worden war, das allerdings nicht genügend Arbeiter*innen anwerben konnte (Mattes 2005). Männer wollten keine Arbeit verrichten, die weiblich konnotiert war und auch die Firma selbst hatte mit Arbeiterinnen gerechnet, da „ihre zarten Hände am besten Kekse sortieren, verpacken und stapeln können“ (Mattes 2005, S. 286). Deshalb wurden ab 1960 Arbeiterinnen aus Spanien angeworben (Mattes 2005). In dem Werk erreichte ihre Beschäftigung mit 791 Arbeiterinnen 1964 ihren Höhepunkt (Mattes 2005). Deutsche und spanische Arbeiterinnen erhielten 2,82 DM pro Stunde, bei 42,5 Wochenstunden und 28,5 DM Wohnkosten pro Monat (Mattes 2005). Die Frauen waren Hilfsarbeiterinnen ohne nennenswerte Aufstiegschancen (Mattes 2005).

Als einige der spanischen Frauen in Kontakt mit der katholischen Arbeiterbewegung traten und eine Schulungsgruppe zu Kultur, aber auch sozialen und rechtlichen Themen gründen wollten, wurden ihre Arbeitsverträge im November 1964, wegen dieses Engagements, aber mit anderer Begründung, nicht verlängert (Mattes 2005). Einige von ihnen klagten gegen diese Entscheidung und mussten wieder eingestellt werden (Mattes 2005).

1960 kam es dann zu einem sechstägigen Streik von 600 spanischen Arbeiterinnen, wegen erhöhter Leistungsnormen (Mattes 2005). Es wurde allerdings keine Einigung erzielt und nach einem Ultimatum, an den Arbeitsplatz zurückzukehren, endete der Streik mit der Entlassung von 344 Arbeiterinnen (Mattes 2005).

1969 streikten dann unter Slogans wie „Gleicher Lohn wie Männer“ und „Gleicher Lohn wie Deutsche“ migrantische Arbeiterinnen im Autozulieferungsbetrieb Hella-Werke in Lippstädt (Mattes 2005, S. 244). Neben vielen weiteren Streiks kam es auch 1973, wieder bei einem Automobilzulieferer, diesmal Pierburg, zum Arbeitskampf der migrantischen Arbeiterinnen (DOMiD 2025). In dem Werk arbeiteten 3.000 Menschen, davon waren 70 % migrantische Mitarbeiter*innen, die meisten davon Frauen, die in der oben beschriebenen Leichtlohngruppe angestellt waren (DOMiD 2025). Für die Arbeit am Fließband erhielten sie 4,70 DM pro Stunde, während ihre männlichen Kollegen 6,10 DM bekamen (DOMiD 2025).

Deshalb legten 1.700 Frauen vor allem aus Spanien, Griechenland, Italien, Jugoslawien und der Türkei ihre Arbeit nieder und forderten die Abschaffung der Leichtlohngruppe und eine Mark mehr pro Stunde für alle (DOMiD 2025). Sie warben während des Streiks für Solidarität und bis zum Ende schlossen sich ihnen 300 Männer an (DOMiD 2025). Trotz Polizeigewalt und Einschüchterungsversuchen wurde der Betrieb komplett lahmgelegt und am Ende schaffte die Geschäftsleitung die Leichtlohngruppe ab und erhöhte den Lohn für alle Mitarbeiter*innen um 30 Pfennig (DOMiD 2025).

Dieses Beispiel zeigt, wie sich migrantische Frauen durch Vernetzung untereinander und mit ihren Mitarbeitern Rechte erkämpfen konnten. Sie erstritten damit eine höheren Lohn für alle und setzten ein Zeichen, dass die Abschaffung der Leichtlohngruppe in der ganzen BRD ermöglichte.

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Literatur

DOMiD (2025): Der Pierburg-Streik – Solidarität unter Arbeiter*innen. Hg. v. Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland. Online verfügbar unter https://domid.org/news/pierburg-streik-solidaritaet-unter-arbeiterinnen/.

Mattes, Monika (2005): „Gastarbeiterinnen“ in der Bundesrepublik. Anwerbepolitik, Migration und Geschlecht in den 50er bis 70er Jahren. Frankfurt am Main: campus Verlag (Geschichte und Geschlechter, 48).

Tank, Gün (2022): Die Optimistinnen. Roman unserer Mütter. Frankfurt am Main: S.Fischer.

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