Sich einer Wahrheit stellen: Menschen mit Behinderung als abjekte Andere

2023 wurde ich mit Endometriose diagnostiziert.

Johanna Hedva beschreibt die Erfahrung von Behinderung als unausweichliche Begegnung mit der Bedürftigkeit des eigenen Körpers (Hedva 2024: 14). Genauso habe ich meine Krankheit wahrgenommen.

Schon vor der Diagnose war sie das schleichende Gefühl, dass ich nicht mehr kann, dass ich Unterstützung brauche, dass ich etwas nicht schaffe. Aber für mich gab es noch keinen konkreten Grund dafür, außer meinem eigenen Versagen. Genau deshalb schob ich das Gefühl immer wieder zur Seite. Ich wollte diese Erkenntnisse nicht. Niemand will diese Erkenntnisse.

Die Diagnose machte sie für mich unausweichlich. Hier möchte ich zeigen, warum der Wunsch sie zu verdrängen und ihre schließliche Unausweichlichkeit dazu führt, dass behinderte Menschen in unserer Gesellschaft zu abjekten Anderen werden.

Definition Behinderung

Die UN-Behindertenrechtskonvention macht darauf aufmerksam, dass das Verständnis von Behinderungen einem ständigen Wandel unterliegt und definiert, dass sie „aus der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren entsteht, die sie an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern“ (Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen 2018: 5). Behinderung ist also kein bloßes körperliches oder geistiges Merkmal, sondern entsteht in Interaktion mit den Gegebenheiten, in denen diese auftreten.

Wer als behindert gilt, ist außerdem sozial konstruiert (Schramme 2003). Der Status einer Behinderung wird immer durch eine negative gesellschaftliche Bewertung festgelegt und durch gesellschaftliche Normen definiert (Schramme 2003). Doch die Gesellschaft schreibt den Begriff nicht nur bestimmten Menschen zu. Sie kann auch als direkte Ursache der Behinderung oder zumindest als der Grund für ihr dauerhaftes Bestehen gesehen werden (Schramme 2003). Exemplarisch dafür ist der bekannte Satz: „Ich bin nicht behindert, ich werde behindert.“

Hier möchte ich unter dem Begriff Behinderung viele verschiedene Zustände zusammenfassen, über deren Zugehörigkeit zu dem Begriff es auch innerhalb der Community Diskussionen gibt. Der Begriff Behinderung soll im Folgenden chronische Krankheiten, körperliche sowie geistige Beeinträchtigungen und psychische Erkrankungen, aber auch nicht chronische schwere Krankheiten einschließen. Es wird also auf eine sehr weite Definition zurückgegriffen. Bei zitierten Studien und einigen anderen Quellen ist von einer engeren Definition auszugehen, weswegen Dunkelziffern hoch ausfallen könnten.

Was ist Abjektion

Beatrice Müller (2018) entwickelt in ihrem Aufsatz „Wert-Abjektion: Care-Arbeit, Care-Abhängigkeit und die Konstruktion von ›Weiblichkeit‹“ das Konzept der Wert-Abjektion. Ihr Fokus liegt dabei darauf, wie Care-Arbeit in kapitalistischen Gesellschaften notwendigerweise abgespalten wird, um auch Abhängigkeit und Sterblichkeit verdrängen zu können.

Ausgangspunkt ist dabei der Gedanke, dass was nicht versprachlicht wird, weder Subjekt noch Objekt sein kann. Es wird zum Abjekt (Müller 2018). Abjekt sind in der kapitalistischen Gesellschaft alle, die auf Care angewiesen sind, zum Beispiel alte, kranke oder eben behinderte Menschen. Sie sind die permanente Erinnerung daran, dass das Subjekt nicht grundlegend strukturiert und autonom ist. Sie bedrohen es und damit die Stabilität der Gesellschaft (Müller 2018: 16).

Durch die Unsichtbarmachung dieser Abjekte wird auch die Verletzbarkeit und Abhängigkeit der Subjekte abgespalten, denn im Kapitalismus sollen Menschen nicht aufeinander angewiesen sein (Müller 2018: 19). Es entsteht eine »sorglose« Gesellschaft (Müller 2018: 21). Wortwörtlich, weil die Sorgen um die Vergänglichkeit des eigenen Körpers verdrängt werden, aber vor allem, weil diejenigen, die sorgen und um die sich gesorgt wird marginalisiert werden.

Der Widerspruch zwischen ihnen, den abjekten Anderen, und den Nicht-Abjekten besteht laut Müller (2018: 21) quer zum Klassenkampf und verknüpft sich mit ihm auch entlang rassistischer Achsen. Zum Beispiel, wenn eine Schwarze Frau niedrig entlohnt Care-Arbeit für eine reiche weiße Familie leistet oder wenn es einer behinderten Person of Color aufgrund ihrer Hautfarbe und finanziellen Situation erschwert wird, die benötigte medizinische Versorgung zu erhalten.

Die abjekten Anderen: Menschen mit Behinderung

Behinderung und Krankheit werden vor allem über medizinische Begriffe definiert, als Körper mit Fehlfunktionen oder Beeinträchtigungen, die überwunden werden müssen (Hedva 2024). Johanna Hedva (2024) sieht darin allerdings vor allem eine unausweichliche Begegnung mit den Bedürfnissen des Körpers, mit seiner Bedürftigkeit, mit der Frage, wo seine Autonomie endet, wer Macht über ihn hat (Hedva 2024). Diese Fragen decken sich mit Müllers Begründung für die Abjektion der Betroffenen und machen Behinderung im Kern politisch (Hedva 2024; Müller 2018). Denn sie werden im Leben jedes einzelnen Menschen eines Tages eine Rolle spielen. Während andere politische Identitäten nur einige Menschen betreffen, sind Krankheit und Behinderung unausweichliche Teile unseres Lebens (Hedva 2024). Ob durch einen Unfall, Angeboren, durchs Altern oder einen Virus: eines Tages wird jeder Mensch behindert werden und auf Pflege angewiesen sein. Damit die Abspaltung dieser Tatsache, wie bei Müller beschrieben, gelingen kann, braucht es Ableismus (Müller 2018; Hedva 2024).

Ableistische Diskriminierung in Deutschland ist kaum erforscht. Doch die Leipziger Autoritarismus Studie von 2024 prüfte sozialdarwinistische Einstellungen in der Bevölkerung. Dabei stimmten 9% der Befragten der Aussage, es gäbe „wertvolles und unwertes Leben“ zu (zusätzliche 10,5% stimmten teilweise zu) (Decker et al. 2024: 40).

Unter dem Begriff Ableismus lassen sich sowohl behindertenfeindliche Einstellungen und Taten als auch deren strukturelle Grundlagen fassen (Maskos 2023). Im Mittelpunkt steht dabei das Bild des perfekten und vollends menschlichen Körpers, demgegenüber Behinderung als reduzierte Daseinsform imaginiert wird, wie auch die Leipziger Autoritarismus Studie zeigt (Maskos 2023). Eine nichtbehinderte „Normalität“, die eng mit Leistungsorientierung und Individualismus verknüpft ist, wird dabei in allen Lebensbereichen vorausgesetzt (Maskos 2023).

Obwohl diese „Normalität“ der vollkommenen Autonomie für keine Person erreichbar ist, identifiziert der Ableismus das Scheitern daran explizit mit behinderten Menschen und macht es so möglich, mit ihnen auch die Vorstellung der Abhängigkeit zum Abjekt zu machen. So kommt es auch zur Unsichtbarkeit behinderter Menschen in gesellschaftlichen Diskursen, sozialen Beziehungen, Kunst, Lohnarbeit, Wissenschaft, Politik und allen anderen Feldern (Mintz 2015: 113).

Schluss

Hedva definiert den menschlichen Körper als „a thing that needs“ (Hedva 2024: 5). Er braucht Schlaf, Essen, Pflege, aber auch Gemeinschaft, Verbindung, Interaktion (Hedva 2024). Er ist abhängig.

Behinderte Menschen werden als abjekte Andere aus der Gesellschaft ausgeschlossen, weil dadurch die Erinnerung an die eigene Verletzlichkeit, Fehlbarkeit und Endlichkeit verdrängt werden kann. In ihrer prekären Situation fehlen ihnen wiederum viele Mittel der Teilhabe. Sei es, weil sie sich nicht in Betriebsräten oder Streikbewegungen organisieren können, sei es, weil sie von Armut betroffen sind. So vollzieht sich wiederrum ihre konkrete Abjektion.

Wenn aber unser aller Körper, wie Hedva sagt, durch ihre Abhängigkeit definiert sind und nicht nur manchmal von ihr beeinflusst werden, dann sollten wir uns dieser Tatsache bewusst werden und unsere Welt und ihre Barrieren daran anpassen (Hedva 2024: 52). Zum Wohle aller, nicht nur derer, die wir als behindert klassifizieren und ausschließen.

Bis dahin bleibt das Leben in einem als behindert bezeichneten Körper und Geist ein verkörperter politischer Akt, auch wenn oder vielleicht, gerade weil er unsichtbar gemacht wird.

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Literatur

Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, 2018: Die UN-Behindertenrechtskonvention. Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung.

Decker, O., J. Kiess, A. Heller & E. Brähler, 2024: Vereint im Ressentiment: Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen. Leipziger Autoritarismus Studie 2024.

Hedva, J., 2024: How to tell when we will die. On pain, disability, and doom. New York: Hillman Grad Books.

Maskos, R., 2023: Ableismus und Behindertenfeindlichkeit. Diskriminierung und Abwertung behinderter Menschen. https://www.bpb.de/themen/inklusion-teilhabe/behinderungen/539319/ableismus-und-behindertenfeindlichkeit/ (7.3.2025Uhr).

Mintz, S.B., 2015: Invisibility. 113f in: R. Adams, B. Reiss & Serlin David (Hrsg.), Keywords for Disability Studies. New York, London: New York University Press.

Müller, B., 2018: Wert-Abjektion. Care-Arbeit, Care-Abhängigkeit und die Konstruktion von ›Weiblichkeit‹. Freise Assoziation 21: 9–29.

Schramme, T., 2003: Psychische Behinderung: Natürliches Phänomen oder soziales Konstrukt? S. 53–82 in: G. Cloerkes (Hrsg.), Wie man behindert wird. Texte zur Konstruktion einer sozialen Rolle und zur Lebenssituation betroffener Menschen: Edition S.

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