Autor: wissengegenmacht

  • Deutschland hat keine Zukunft – Eine optimistische Zukunftsvision

    Sieh dich um in deinem Leben. Welche Menschen sind Teil davon, bevölkern und bereichern es? Und welche Rolle spielst du in ihrem Leben? Was habt ihr zusammen erlebt, geschafft und bewegt? Bestimmt sind viele dieser Menschen Teil einer Gruppe oder eines Vereins, engagieren sich ehrenamtlich oder stehen immer wieder verwandten und befreundeten Menschen zur Seite. Bestimmt tust du das auch.

    Um überleben zu können und ihren Alltag zu bestreiten, haben Menschen während ihrer gesamten Geschichte zusammengearbeitet. Für Denker*innen wie Peter Kropotkin (2018)[1] ist diese Eigenschaft, der Wille zusammenzuarbeiten und einander zu helfen, die Grundlage für die Entwicklung und den Erfolg menschlicher Gesellschaft.

    Alle, die sich schon einmal so organisiert haben, wissen, dass es nicht immer leicht ist, einen Konsens zu finden und sich gemeinsam zu koordinieren. Manchmal ist es sogar frustrierend. Trotzdem kannst du viele unterschiedliche Formen freier Zusammenschlüsse und gegenseitiger Hilfe in deinem Umfeld entdecken, wenn du nur danach suchst. Denn alle, die sich schon einmal so organisiert haben, wissen auch, dass es sich immer wieder lohnt.

    GEGENSEITIGE HILFE

    Gegenseitige Hilfe bedeutet eine kollektive Koordination zur Erfüllung der Bedürfnisse aller (Spade 2020: 7). Falls du trotz allem keine Beispiele aus deinem Umfeld vor Augen hast, hier nur einige Ideen: Während Naturkatastrophen, wie Überschwemmungen, schleppen Freiwillige Sandsäcke, verteilen Vorräte oder nehmen Menschen auf (Spade 2020: 12). Zu Hochzeiten der Covid-19-Pandemie erledigten Freund*innen, Verwandte, aber auch organisierte Gruppen Einkäufe für Erkrankte oder immungeschwächte Menschen.[2] Nachbar*innen organisieren zusammen ein Sommerfest im Innenhof, Freiwillige helfen Kindern bei den Hausaufgaben, und Hochschulgruppen, wie Studis gegen Rechts, First Aid for All oder Fridays for Future, organisieren sich, um für Belange einzutreten, die ihnen wichtig sind.

    Die gegenseitige Hilfe, die wir heute schon leisten, zeigt uns, „wie wir zusammen Dinge erreichen können, von denen uns gesagt wurde, dass sie unvorstellbar sind, und dass wir uns ohne Zwang organisieren können[3]“ (Spade 2020: 16). Durch unsere Zusammenarbeit schaffen wir schon heute Orte, an denen Menschen zusammenkommen, diskutieren, sich kennenlernen und solidarisch füreinander eintreten können. So entstehen Fähigkeiten, die uns auch in der Zukunft helfen werden, ohne Hierarchien zu kooperieren und gemeinsam Entscheidungen zu treffen (Spade 2020: 15f).

    DER DEUTSCHE STAAT

    Gut also, dass wir haben, was wir brauchen, um einander zu versorgen. Doch warum ist das nötig, wenn eigentlich der Staat[4] die Pflicht dazu hat?

    „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ (GG 1949: Art. 1 Abs. 1). „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“ (GG 1949: Art. 2 Abs. 1). „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat“ (GG 1949: Art. 20 Abs. 1).

    Deutschland ist also laut seiner Verfassung ein Sozialstaat, der weltweit die Menschenrechte achten, seinen Bürger*innen ein menschenwürdiges Leben sichern und sie schützen muss (Gramm & Pieper 2015). Wenn er das auch kann und will, warum müssen dann Freiwillige vor allen anderen eine Flutkatastrophe bewältigen? Warum müssen Betroffene und Familienmitglieder allein mit den Konsequenzen einer Pandemie zurechtkommen? Warum haben nicht alle Kinder, egal aus welchem Elternhaus, dieselben Bildungschancen? Warum müssen Hochschulgruppen noch gegen Diskriminierung und Faschismus, für gesundheitliche Bildung und gegen den Klimawandel eintreten?

    Weil der Staat seinen Aufgaben nicht zur Genüge nachkommt und nicht nachkommen wird. Weil er sich an ungerechten und undemokratischen Systemen beteiligt, die den Menschen den Zugang zu Nahrungsmitteln, Gesundheitsversorgung, Wohnraum, öffentlichen Verkehrsmitteln und allen anderen lebensnotwendigen Dingen zumindest erschweren (Spade 2020: 19f). Weil die Infrastruktur, die dazu beitragen würde, seinen Aufgaben nachzukommen, unter fehlenden Investitionen zusammenzubrechen droht.

    2024 attestierten das Institut der deutschen Wirtschaft und das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung dem deutschen Staat 600 Milliarden Euro Investitionsbedarf (IWD 2024). Dazu zählen die beiden Institute unter anderem 200 fehlende Milliarden für die Dekarbonisierung[5] und das, obwohl das Bundesverfassungsgericht mit seinem Urteil von 2021 die Pflicht des Staates, gegen den Klimawandel vorzugehen, bestätigte (IWD 2024; Verheyen & Wollenteit 2021).

    Zusätzlich dazu, dass der deutsche Staat Pflichten wie dieser nicht nachkommt, dürfen wir seine Geschichte nicht vergessen. Deutschland ist ein Täter*innen-Staat, verantwortlich für den Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia und die Verbrechen der NS-Zeit, vor allem den Holocaust, die Ermordung von Homosexuellen, Sinti*zze und Rom*nja und behinderten Menschen. Deutschland wird ein Täter*innen-Staat bleiben, so sehr die Menschen hier sich auch gegen diese Zuschreibung wehren.

    Staaten haben als Inhaber des Machtmonopols innerhalb ihrer Grenzen so viele Möglichkeiten, diese Macht zu missbrauchen, wie keine andere Entität. Dazu kommt noch die Möglichkeit, sie auf Ziele außerhalb ihrer Grenzen zu richten. Wer wird das verhindern? Wer wird den Aufstieg der AfD in Deutschland verhindern, wenn Gewaltenteilung, wache Zivilgesellschaft und die vermeintliche Brandmauer nicht ausreichen? Wer wird verhindern, dass der deutsche Staat, unterstützt von seinen Bürger*innen, erneut Untaten begeht?

    Schlussendlich stellt er eine Gefahr für die Menschen außerhalb seiner Grenzen dar und kann oder will gleichzeitig seinen gesetzlichen Pflichten gegenüber seinen eigenen Bürger*innen nicht nachkommen. Pflichten, die er sich selbst auferlegt hat, Bürger*innen, denen er eigentlich verpflichtet ist: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“ (GG 1949: Art. 20 Abs. 2). Deshalb hat Deutschland keine Zukunft. Der deutsche Staat wird die Zukunft weder sichern noch gestalten. Die Menschen tun es: durch gegenseitige Hilfe.

    WIE KANN VERÄNDERUNG BEGINNEN?

    „Je mehr die Verpflichtungen gegen den Staat sich häuften, umso mehr wurden offenbar die Bürger[*innen] ihrer Verpflichtung gegeneinander entledigt“, schreibt Kropotkin (2018: 210).

    Anstatt uns also darauf zu verlassen, dass der Staat seinen Aufgaben nachkommt, sollte unser erster Schritt sein, uns immer mehr füreinander verantwortlich zu fühlen. Wir machen damit die Deckung unserer Bedürfnisse wieder zu unserer Aufgabe und somit zum zentralen Ziel unserer Gesellschaft. Auf der persönlichen Ebene tun Menschen das in den oben genannten Beispielen. Es folgen zwei Beispiele von weitreichenderen Initiativen, die zeigen, wie die Zukunft aussehen könnte:

    Erstens Sanktionsfrei. Der Verein geht juristisch gegen Fehler und Willkür beim Jobcenter vor und zahlt währenddessen Betroffenen Geld aus einem Solidartopf aus (Sanktionsfrei 2025). Sanktionsfreis Ziel: „Alle, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind, sollen menschenwürdig und angstfrei abgesichert sein“ (Sanktionsfrei 2025: Abs. 3). Dieses Beispiel zeigt, wie wir einander solidarisch zur Seite stehen können, wenn staatliche Institutionen es nicht tun: Menschen die Mittel geben, die sie zum Leben brauchen, und ihnen vertrauen, dass sie ihre eigene Situation und Bedürfnisse am besten kennen.

    Zweitens sogenannte Commons[6]-Public-Partnerships. Dabei handelt es sich um ein Modell rechtlich abgesicherter Zusammenarbeit von Zivilgesellschaft und staatlichen Organen, durch die sich lokale Gemeinschaften selbst verwalten können (Jerchel & Pape 2022). Diesem Prinzip folgt auch die Fuchsmühle in Waldkappel, in der Commons orientiert gelebt wird (Jerchel & Pape 2022; Fuchsmühle 2025). Dort entstanden unter anderem eine Lebensmittelkooperative[7], Common-Streuobstwiese und -Wald und ein mehrjähriges Laborprojekt zu solidarischer Wirtschaft (Jerchel & Pape 2022; Fuchsmühle 2025). Solche Kooperationen zwischen Orten der gegenseitigen Hilfe und staatlichen Akteuren zeigen, wie wir schon heute im Kleinen in Utopien leben können, die den Weg in die Zukunft ohne Staat weisen: „So bauen wir gleichzeitig die Welt, die wir wollen und werden die Art von Menschen, die sie zusammen bewohnen können[8]“ (Spade 2020: 17).

    UNSERE ZUKUNFT

    Doch wie soll diese Welt aussehen? Zuerst ist es wichtig, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass es möglich ist, gegenwärtige Verhältnisse zu ändern, auch wenn sie noch so festgefahren scheinen. Die Zukunftsvision, die ich im Folgenden vorstelle, ist an die Gedanken von Kropotkin (2022)[9] angelehnt.

    Oben habe ich einige Gründe aufgezählt, warum nicht der Staat, sondern die Menschen sich selbst regieren sollten. Vereine, Gruppen und Gemeinschaften werden dann freiwillig gebildet und verlassen. Genau das tun die Nothelfer*innen, Netzwerke von Verwandten und Freund*innen und Hochschulgruppen, jetzt auch schon. Nach dem Subsidiaritätsprinzip wird eine höhere Organisationsebene nur nötig sein, wenn die darunter eine Aufgabe nicht allein bewältigen kann (BpB 2025). Solche höheren Ebenen werden sich aus Delegierten zusammensetzen, die allerdings nicht allein einen Beschluss fassen, sondern als Sachverständige Vorschläge ausarbeiten, die sie dann zur Abstimmung in ihre Gemeinden zurückbringen (Kropotkin 2022: 40).[10]

    Dabei wird es viele lokale Differenzen geben, wie genau die Menschen ihr Zusammenleben organisieren möchten (Kropotkin 2022: 71). Vielseitigkeit und Dezentralisation bedeuten für alle die Möglichkeit, ihre spezifischen Kenntnisse darüber, was ihre Gemeinschaft braucht, einzusetzen, aber auch voneinander zu lernen. Die gemeinsame Organisation wird auf Vertrauen fußen und durch die öffentliche Meinung in der eigenen Gemeinde kontrolliert werden (Kropotkin 2022: 64).

    Das Ziel aller Bemühungen in dieser Zukunft wird die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen (Kropotkin 2022: 59), sowie die der Natur und der Tiere sein. Dazu gehört auch, dass alle Menschen, unabhängig von ihrer Leistung, das bekommen werden, was sie brauchen. „Jedem nach seinen Bedürfnissen“ (Kropotkin 2022: 33). Um das zu gewährleisten, wird es eine neue Art der Produktion, der Verteilung und des Eigentums auf Grundlage der allgemeinen Gleichheit brauchen. Das bedeutet nicht, dass alle dasselbe erhalten, sondern es bedeutet anzuerkennen, dass alle Mitglieder der Gesellschaft[11] das Recht haben zu leben und versorgt zu werden (Kropotkin 2022: 151).[12]

    Um dem nachzukommen, wird alles, was Menschen brauchen, um sich zu versorgen und Wohlstand zu schaffen, Gemeineigentum werden (Kropotkin 2022: 24). Dazu gehören Lebensmittel, Wohnraum, medizinische Versorgung, Produktionsmittel und vieles mehr. Da alle Erfindungen und Fortschritte, die die Menschheit gemacht hat, auf der Arbeit aller vergangenen und gegenwärtigen Menschen beruhen, ist es auch richtig, dass niemand allein Anspruch auf sie erheben kann (Kropotkin 2022: 14f). Was durch die Nutzung des Gemeinbesitzes produziert wurde, wird dann nach den Bedürfnissen verteilt. Frei, wenn es genug für alle gibt und ansonsten an die, die es am meisten brauchen (Kropotkin 2022: 65). Niemand soll reich sein, solange es arme Menschen gibt.

    In dieser Zukunft wird es also ein Recht auf Wohlstand geben (Kropotkin 2022). Das bedeutet, sie wird auch Freizeit, Kunst, Literatur, Kultur und Wissenschaft fördern. Menschen werden Tätigkeiten nachgehen können, die das Leben angenehm machen und ihnen Freude bereiten, und es wird einen freien Fluss von Ideen geben, der künstlerische Betätigung und wissenschaftlichen Fortschritt vereinfachen wird (Kropotkin 2022: 108).[13]

    Natürlich wird es trotzdem noch harte, körperliche oder unliebsame Arbeit geben. Aber in dieser Zukunft werden Menschen nicht gezwungen sein, sie zu machen, um irgendwie ihren Lohn zu verdienen. Es wird keinen Lohn mehr geben, da ja alles nach Bedürfnissen verteilt wird. Es wird auch niemand mehr durch seine oder ihre Arbeit einzelne Besitzer*innen bereichern, sondern nur die Gesellschaft (Kropotkin 2022: 42). Notwendige Arbeiten werden trotzdem geleistet, weil die Menschen wissen, was sie brauchen und es für sich sowie aus der „Überzeugung, dass man für alle arbeitet“ schaffen werden (Kropotkin 2022: 109). Außerdem werden alle Arbeitsplätze sicher, sauber und so angenehm wie möglich gestaltet sein.

    Eine Möglichkeit, angenehme Arbeitsbedingungen für alle zu schaffen, ist die von Frigga Haug vorgeschlagene 4 in 1 Perspektive. Dabei wird der 16-stündige Arbeitstag idealtypisch[14] in vier, vier-Stunden Abschnitte aufgeteilt: Politik, Erwerbsarbeit, Sorge- oder Reproduktionsarbeit und kulturelle Arbeit/eigene Entwicklung (Konzeptwerk neue Ökonomie 2025).  So haben alle Menschen Zeit, sich selbst zu regieren, können die notwendigen Arbeiten erledigen, die Hausarbeit fair auf alle[15] aufteilen und Freizeit- und Kulturtätigkeiten nachgehen.

    Der Wohlstand aller wird nicht mehr auf der Ausbeutung der Menschen und Natur im globalen Süden beruhen dürfen (Kropotkin 2022: 93). Frauen und Minderheiten, wie die LGBTQIA+ Community, dürfen nicht mehr diskriminiert werden. Es wird keine Unterschiede zwischen qualifizierter und ungelernter Arbeit mehr geben und keine Privilegien mehr aufgrund von Erziehung oder Geburt (Kropotkin 2022: 159, 165).[16]

    „Ein neues Leben [erfordert] neue Wege“ (Kropotkin 2022: 82). Wir müssen nur Angst, Pessimismus und Trägheit überwinden und sie gehen. Viele Menschen tun das bereits, wie ich schon ganz am Anfang gezeigt habe. Sie legen den Fokus auf die Menschen in ihrer Nähe und darauf zu schaffen, was sie brauchen, anstatt darauf zu warten, dass der Staat es tut. Du kannst das auch und wahrscheinlich tust du es auf deine Weise schon. Weiter so und auf in die Zukunft!

    LITERATUR

    BpB, 2025: Subsidiaritätsprinzip. https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/lexikon-der-wirtschaft/20791/subsidiaritaetsprinzip/.

    Fuchsmühle, 2025: Wie wollen wir wandeln. https://fuchsmuehle.org/wie-wollen-wir-wandeln/ (16.7.2025).

    Gramm, C. & S. Pieper, 2015: Grundgesetz Bürgerkommentar. Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung.

    1949: Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland.

    IWD, 2024: Deutschland braucht Investitionen von 600 Milliarden Euro. Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft. https://www.iwd.de/artikel/deutschland-braucht-investitionen-von-600-milliarden-euro-621333/.

    Jerchel, P. & J. Pape, 2022: Commons-Public-Partnerships, New avenues of cooperation for social-ecological transformations. IASS DISCUSSION PAPER. Potsdam.

    Konzeptwerk neue Ökonomie, 2025: Die 4-in-1-Perspektive. Hintergrundtext für Anleitende. https://endlich-wachstum.de/wp-content/uploads/2017/01/C_Who-cares_Hintergrundtext-4-in-1-Perspektive.pdf (18.7.2025).

    Kropotkin, P., 2018: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. Berlin: Henricus.

    Kropotkin, P., 2022: Die Eroberung des Brotes. Berlin: Henricus.

    Plattform Ernährungswandel, 2025: Foodcoops. https://www.ernaehrungswandel.org/vernetzen/nischeninnovationen-in-europa/foodcoops (17.7.2025).

    Sanktionsfrei, 2025: FAQ. https://sanktionsfrei.de/faq (15.7.2025).

    Spade, D., 2020: Mutual Aid. Building Solidarity During This Crisis (And The Next). London/New York: Verso.

    Staub zu Glitzer, 2025: Commoning. Eine Übersicht. https://staubzuglitzer.de/commoning-eine-uebersicht/.

    Verheyen, R. & U. Wollenteit, 2021: Das deutsche Bundesverfassungsgericht: Klimaschutz ist Menschenrecht! Kurze Auswertung.


    [1] Ursprünglich 1902 veröffentlicht.

    [2] Und während die nun endemische Krankheit von staatlicher Seite größtenteils ignoriert wird, wird die Unterstützung von Menschen mit Long Covid, ME/CFS oder aktuellen Covid-19 Infektionen weiterhin von Freiwilligen, Familienmitgliedern und organisierten Gruppen getragen.

    [3] Von der Autor*in übersetzt. Originalzitat: „(…) demonstrating how we can do things together in ways we wer told not to imagine, and that we can organize human activity without coercion“(Spade 2020: 16).

    [4] Das Wort Staat meint im Folgenden vor allem das politische Staatswesen.

    [5] Dazu zählen zum Beispiel der Ausbau erneuerbarer Energien und Wärmenetze (IWD 2024: Abb.1: Öffentliche Investitionen, es braucht Milliarden).

    [6] Commons sind Gemeingüter, die von einer Gemeinschaft gepflegt und genutzt werden. Der Fokus liegt dabei auf Bedürfnisorientierung, direkter Demokratie und Selbstorganisation (Staub zu Glitzer 2025).

    [7] Lebensmittelkooperativen sind Zusammenschlüsse von Menschen, die den Bezug ihrer Lebensmittel gemeinsam selbst organisieren (Plattform Ernährungswandel 2025).

    [8] Von der Autor*in übersetzt. Originalzitat: „We are both building the world we want and becoming the kind of people who could live in such a world together“ (Spade 2020: 17).

    [9] Ursprünglich 1892 veröffentlicht.

    [10] Direkte Demokratie.

    [11] Ob menschlich oder nicht-menschlich, ob sie arbeiten oder nicht, ob gesund oder krank etc.

    [12] Und auch wenn es immer ein gewisses Maß an Ungleichheit geben wird, soll diese so weit wie möglich reduziert werden (Kropotkin 2022: 84). Kropotkin nutzt das Wort Gleichheit, es könnte auch Gerechtigkeit/Fairness verwendet werden.

    [13] Copyright und Patente sind in einer Welt notwendig, in der Menschen irgendwie von ihrer Kunst, Literatur oder Forschung leben müssen. Doch sie verhindern und erschweren auch Zusammenarbeit, gegenseitiges Lernen und Fortschritt. Wenn also alle Menschen versorgt sind, können sie sich ihnen freier und gemeinsam widmen.

    [14] Also nicht zwingend, sondern basierend auf freier Vereinbarung mit anderen.

    [15] Nicht nur auf Frauen!

    [16] Siehe Fußnote 10.

  • Frauen, Migrantinnen, Arbeiterinnen: Ich habe „Die Optimistinnen“ gelesen und du solltest das auch machen!

    Nachdem ich „Die Optimistinnen“ von Gün Tank gelesen habe, ist mir klar geworden, wie wenig ich über migrantische Arbeiterinnen in der BRD der 1950er bis 70er Jahre weiß. Und das, obwohl sie so viel für sich und andere erstritten haben.

    Der folgende Text ist ein Ausschnitt aus einem längeren Paper zum Kampf um Geschlechtergerechtigkeit. In diesem Abschnitt kommen zwei Quellen vor: Erstens, ein Buch von Monika Mattes (da es leider nicht frei verfügbar ist, verlinke ich hier einen Artikel, den sie zum selben Thema für die BpB geschrieben hat). Zweitens, Informationen über den Pierburg-Streik zusammengestellt vom Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland. Falls ihr also direkt an die Quelle wollt, klickt direkt rüber, ich fasse die beiden hier vor allem zusammen.

    „Immer mehr Frauen strömen aus dem Gebäude und setzen sich vor das Tor. Ira drückt Tülay mehrere Flugblätter zum Verteilen in die Hand. Gemeinsam mit den anderen Frauen rufen sie: ‚Eine Mark mehr! Eine Mark mehr!‛“ (Tank 2022, S. 165)

    Die Lebensbedingungen und Arbeitskämpfe sogenannter „Gastarbeiterinnen“ in der BRD der 1950er bis 70er Jahre kamen im öffentlichen Diskurs, vor allem verglichen mit denen ihrer Kollegen, kaum vor (Mattes 2005). Frauen aus Italien, Griechenland, Spanien, Türkei, Portugal und Jugoslawien wurden über die mit diesen Ländern bestehenden Abkommen nach Deutschland vermittelt (Mattes 2005). Von den fast zwei Millionen nichtdeutschen Staatsbürger*innen, die Ende 1970 in der BRD beschäftigt waren, war rund ein Drittel weiblich (Mattes 2005).

    Zwischen 1961 und 1972 hatte sich aufgrund der Anwerbepolitik der BRD die Anzahl der migrantischen Arbeiterinnen von 43.200 auf 706.000 erhöht (Mattes 2005). 75 – 80 % der migrantischen Frauen in Deutschland zwischen 20 und 40 Jahren arbeiteten, während es bei den deutschen Frauen im gleichen Alter nur 43 – 66 % waren (Mattes 2005). Dies lag vor allem an den unterschiedlichen Erwartungen, die an sie gestellt wurden.

    Mattes (2005, S. 220) schreibt:

    „Ihre bloße Präsenz berührte neuralgische Punkte im geschlechter- und familienpolitischen Selbstverständnis der Bundesrepublik, gaben migrantische Arbeiterinnen doch auf dem höchstmöglichen Erwerb abgestellten Migrationsprojekten eindeutig Vorrang. Sie gingen einer Vollzeiterwerbstätigkeit nach und lebten nicht selten über Jahre getrennt von ihren Familien und Kindern.“

    Migrantische Arbeiterinnen waren vor allem in Textil- und Bekleidungs- sowie Nahrungs- und Genussmittelindustrie beschäftigt (Mattes 2005). Viele waren aber auch in der Elektrotechnik und im Dienstleistungsbereich, in Pflege, Hotels und Gaststätten oder in der Innenraumreinigung, tätig (Mattes 2005). 1968 waren dabei 96 % der Frauen un- oder angelernte Arbeiterinnen und auch 1972 lag der Anteil der Facharbeiterinnen unter den migrantischen Frauen bei 2 % (Mattes 2005). Ein Aufstieg war für sie, genauso wie für deutsche Frauen, nicht vorgesehen (Mattes 2005). Während zwei Drittel der migrantischen Arbeiter 1972 6 DM oder mehr pro Stunde verdienten, verdienten drei Viertel der Frauen weniger als 6 DM pro Stunde (Mattes 2005). 37 % von ihnen verdienten sogar nur unter 5 bis 4 DM (Mattes 2005). Sowohl deutsche als auch migrantische Arbeiterinnen wurden fast ausschließlich in Leichtlohngruppen beschäftigt, die dadurch zustande kamen, dass bei der Arbeitsplatzbewertung typische Frauenaufgaben kaum berücksichtigt wurden (Mattes 2005). Das schlechtere Einkommen wurde außerdem damit begründet, Frauen leisteten körperlich leichtere und insgesamt einfachere Arbeit als Männer (Mattes 2005). So lagen die Stundenlöhne der migrantischen und deutschen Frauen deutlich näher zusammen als die der Männer (Mattes 2005).

    Trotzdem gab es zwischen den deutschen und migrantischen Arbeiterinnen Unterschiede. Von Zweiteren wurde zum Beispiel eine deutlich größere Einsetzbarkeit erwartet (Mattes 2005). Auch wenn sie verheiratet waren, wurden sie als „lediggehend“ bezeichnet (Mattes 2005, S. 229). Von ihnen wurde Dankbarkeit und Genügsamkeit erwartet. Sie sollten sich nicht nach besseren Arbeitsbedingungen sehnen oder diese gar fordern (Mattes 2005). Diese Erwartung wurden allerdings in der Öffentlichkeit kaum diskutiert, denn sie hätte die Frage aufgeworfen, warum bei deutschen Frauen, die, nachdem sie geheiratet hatten meistens nicht, oder nur in Teilzeit arbeiteten, andere Maßstäbe angelegt wurden (Mattes 2005).

    Außerdem fanden sich migrantische Arbeiterinnen nicht in öffentlichen Diskursen wieder, weil „Frauenthemen“ die Gleichberechtigung deutscher Frauen berührten und mit „Ausländer-Themen“ vor allem Männer oder soziale Probleme migrantischer Familien gemeint waren (Mattes 2005).

    Trotz dieser Unsichtbarmachung kämpften migrantische Arbeiterinnen immer wieder für bessere Arbeitsbedingungen. So zum Beispiel 1957 in Barsinghausen, wo ein neues Bahlsen Werk gebaut worden war, das allerdings nicht genügend Arbeiter*innen anwerben konnte (Mattes 2005). Männer wollten keine Arbeit verrichten, die weiblich konnotiert war und auch die Firma selbst hatte mit Arbeiterinnen gerechnet, da „ihre zarten Hände am besten Kekse sortieren, verpacken und stapeln können“ (Mattes 2005, S. 286). Deshalb wurden ab 1960 Arbeiterinnen aus Spanien angeworben (Mattes 2005). In dem Werk erreichte ihre Beschäftigung mit 791 Arbeiterinnen 1964 ihren Höhepunkt (Mattes 2005). Deutsche und spanische Arbeiterinnen erhielten 2,82 DM pro Stunde, bei 42,5 Wochenstunden und 28,5 DM Wohnkosten pro Monat (Mattes 2005). Die Frauen waren Hilfsarbeiterinnen ohne nennenswerte Aufstiegschancen (Mattes 2005).

    Als einige der spanischen Frauen in Kontakt mit der katholischen Arbeiterbewegung traten und eine Schulungsgruppe zu Kultur, aber auch sozialen und rechtlichen Themen gründen wollten, wurden ihre Arbeitsverträge im November 1964, wegen dieses Engagements, aber mit anderer Begründung, nicht verlängert (Mattes 2005). Einige von ihnen klagten gegen diese Entscheidung und mussten wieder eingestellt werden (Mattes 2005).

    1960 kam es dann zu einem sechstägigen Streik von 600 spanischen Arbeiterinnen, wegen erhöhter Leistungsnormen (Mattes 2005). Es wurde allerdings keine Einigung erzielt und nach einem Ultimatum, an den Arbeitsplatz zurückzukehren, endete der Streik mit der Entlassung von 344 Arbeiterinnen (Mattes 2005).

    1969 streikten dann unter Slogans wie „Gleicher Lohn wie Männer“ und „Gleicher Lohn wie Deutsche“ migrantische Arbeiterinnen im Autozulieferungsbetrieb Hella-Werke in Lippstädt (Mattes 2005, S. 244). Neben vielen weiteren Streiks kam es auch 1973, wieder bei einem Automobilzulieferer, diesmal Pierburg, zum Arbeitskampf der migrantischen Arbeiterinnen (DOMiD 2025). In dem Werk arbeiteten 3.000 Menschen, davon waren 70 % migrantische Mitarbeiter*innen, die meisten davon Frauen, die in der oben beschriebenen Leichtlohngruppe angestellt waren (DOMiD 2025). Für die Arbeit am Fließband erhielten sie 4,70 DM pro Stunde, während ihre männlichen Kollegen 6,10 DM bekamen (DOMiD 2025).

    Deshalb legten 1.700 Frauen vor allem aus Spanien, Griechenland, Italien, Jugoslawien und der Türkei ihre Arbeit nieder und forderten die Abschaffung der Leichtlohngruppe und eine Mark mehr pro Stunde für alle (DOMiD 2025). Sie warben während des Streiks für Solidarität und bis zum Ende schlossen sich ihnen 300 Männer an (DOMiD 2025). Trotz Polizeigewalt und Einschüchterungsversuchen wurde der Betrieb komplett lahmgelegt und am Ende schaffte die Geschäftsleitung die Leichtlohngruppe ab und erhöhte den Lohn für alle Mitarbeiter*innen um 30 Pfennig (DOMiD 2025).

    Dieses Beispiel zeigt, wie sich migrantische Frauen durch Vernetzung untereinander und mit ihren Mitarbeitern Rechte erkämpfen konnten. Sie erstritten damit eine höheren Lohn für alle und setzten ein Zeichen, dass die Abschaffung der Leichtlohngruppe in der ganzen BRD ermöglichte.

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    Literatur

    DOMiD (2025): Der Pierburg-Streik – Solidarität unter Arbeiter*innen. Hg. v. Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland. Online verfügbar unter https://domid.org/news/pierburg-streik-solidaritaet-unter-arbeiterinnen/.

    Mattes, Monika (2005): „Gastarbeiterinnen“ in der Bundesrepublik. Anwerbepolitik, Migration und Geschlecht in den 50er bis 70er Jahren. Frankfurt am Main: campus Verlag (Geschichte und Geschlechter, 48).

    Tank, Gün (2022): Die Optimistinnen. Roman unserer Mütter. Frankfurt am Main: S.Fischer.

  • Sich einer Wahrheit stellen: Menschen mit Behinderung als abjekte Andere

    2023 wurde ich mit Endometriose diagnostiziert.

    Johanna Hedva beschreibt die Erfahrung von Behinderung als unausweichliche Begegnung mit der Bedürftigkeit des eigenen Körpers (Hedva 2024: 14). Genauso habe ich meine Krankheit wahrgenommen.

    Schon vor der Diagnose war sie das schleichende Gefühl, dass ich nicht mehr kann, dass ich Unterstützung brauche, dass ich etwas nicht schaffe. Aber für mich gab es noch keinen konkreten Grund dafür, außer meinem eigenen Versagen. Genau deshalb schob ich das Gefühl immer wieder zur Seite. Ich wollte diese Erkenntnisse nicht. Niemand will diese Erkenntnisse.

    Die Diagnose machte sie für mich unausweichlich. Hier möchte ich zeigen, warum der Wunsch sie zu verdrängen und ihre schließliche Unausweichlichkeit dazu führt, dass behinderte Menschen in unserer Gesellschaft zu abjekten Anderen werden.

    Definition Behinderung

    Die UN-Behindertenrechtskonvention macht darauf aufmerksam, dass das Verständnis von Behinderungen einem ständigen Wandel unterliegt und definiert, dass sie „aus der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren entsteht, die sie an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern“ (Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen 2018: 5). Behinderung ist also kein bloßes körperliches oder geistiges Merkmal, sondern entsteht in Interaktion mit den Gegebenheiten, in denen diese auftreten.

    Wer als behindert gilt, ist außerdem sozial konstruiert (Schramme 2003). Der Status einer Behinderung wird immer durch eine negative gesellschaftliche Bewertung festgelegt und durch gesellschaftliche Normen definiert (Schramme 2003). Doch die Gesellschaft schreibt den Begriff nicht nur bestimmten Menschen zu. Sie kann auch als direkte Ursache der Behinderung oder zumindest als der Grund für ihr dauerhaftes Bestehen gesehen werden (Schramme 2003). Exemplarisch dafür ist der bekannte Satz: „Ich bin nicht behindert, ich werde behindert.“

    Hier möchte ich unter dem Begriff Behinderung viele verschiedene Zustände zusammenfassen, über deren Zugehörigkeit zu dem Begriff es auch innerhalb der Community Diskussionen gibt. Der Begriff Behinderung soll im Folgenden chronische Krankheiten, körperliche sowie geistige Beeinträchtigungen und psychische Erkrankungen, aber auch nicht chronische schwere Krankheiten einschließen. Es wird also auf eine sehr weite Definition zurückgegriffen. Bei zitierten Studien und einigen anderen Quellen ist von einer engeren Definition auszugehen, weswegen Dunkelziffern hoch ausfallen könnten.

    Was ist Abjektion

    Beatrice Müller (2018) entwickelt in ihrem Aufsatz „Wert-Abjektion: Care-Arbeit, Care-Abhängigkeit und die Konstruktion von ›Weiblichkeit‹“ das Konzept der Wert-Abjektion. Ihr Fokus liegt dabei darauf, wie Care-Arbeit in kapitalistischen Gesellschaften notwendigerweise abgespalten wird, um auch Abhängigkeit und Sterblichkeit verdrängen zu können.

    Ausgangspunkt ist dabei der Gedanke, dass was nicht versprachlicht wird, weder Subjekt noch Objekt sein kann. Es wird zum Abjekt (Müller 2018). Abjekt sind in der kapitalistischen Gesellschaft alle, die auf Care angewiesen sind, zum Beispiel alte, kranke oder eben behinderte Menschen. Sie sind die permanente Erinnerung daran, dass das Subjekt nicht grundlegend strukturiert und autonom ist. Sie bedrohen es und damit die Stabilität der Gesellschaft (Müller 2018: 16).

    Durch die Unsichtbarmachung dieser Abjekte wird auch die Verletzbarkeit und Abhängigkeit der Subjekte abgespalten, denn im Kapitalismus sollen Menschen nicht aufeinander angewiesen sein (Müller 2018: 19). Es entsteht eine »sorglose« Gesellschaft (Müller 2018: 21). Wortwörtlich, weil die Sorgen um die Vergänglichkeit des eigenen Körpers verdrängt werden, aber vor allem, weil diejenigen, die sorgen und um die sich gesorgt wird marginalisiert werden.

    Der Widerspruch zwischen ihnen, den abjekten Anderen, und den Nicht-Abjekten besteht laut Müller (2018: 21) quer zum Klassenkampf und verknüpft sich mit ihm auch entlang rassistischer Achsen. Zum Beispiel, wenn eine Schwarze Frau niedrig entlohnt Care-Arbeit für eine reiche weiße Familie leistet oder wenn es einer behinderten Person of Color aufgrund ihrer Hautfarbe und finanziellen Situation erschwert wird, die benötigte medizinische Versorgung zu erhalten.

    Die abjekten Anderen: Menschen mit Behinderung

    Behinderung und Krankheit werden vor allem über medizinische Begriffe definiert, als Körper mit Fehlfunktionen oder Beeinträchtigungen, die überwunden werden müssen (Hedva 2024). Johanna Hedva (2024) sieht darin allerdings vor allem eine unausweichliche Begegnung mit den Bedürfnissen des Körpers, mit seiner Bedürftigkeit, mit der Frage, wo seine Autonomie endet, wer Macht über ihn hat (Hedva 2024). Diese Fragen decken sich mit Müllers Begründung für die Abjektion der Betroffenen und machen Behinderung im Kern politisch (Hedva 2024; Müller 2018). Denn sie werden im Leben jedes einzelnen Menschen eines Tages eine Rolle spielen. Während andere politische Identitäten nur einige Menschen betreffen, sind Krankheit und Behinderung unausweichliche Teile unseres Lebens (Hedva 2024). Ob durch einen Unfall, Angeboren, durchs Altern oder einen Virus: eines Tages wird jeder Mensch behindert werden und auf Pflege angewiesen sein. Damit die Abspaltung dieser Tatsache, wie bei Müller beschrieben, gelingen kann, braucht es Ableismus (Müller 2018; Hedva 2024).

    Ableistische Diskriminierung in Deutschland ist kaum erforscht. Doch die Leipziger Autoritarismus Studie von 2024 prüfte sozialdarwinistische Einstellungen in der Bevölkerung. Dabei stimmten 9% der Befragten der Aussage, es gäbe „wertvolles und unwertes Leben“ zu (zusätzliche 10,5% stimmten teilweise zu) (Decker et al. 2024: 40).

    Unter dem Begriff Ableismus lassen sich sowohl behindertenfeindliche Einstellungen und Taten als auch deren strukturelle Grundlagen fassen (Maskos 2023). Im Mittelpunkt steht dabei das Bild des perfekten und vollends menschlichen Körpers, demgegenüber Behinderung als reduzierte Daseinsform imaginiert wird, wie auch die Leipziger Autoritarismus Studie zeigt (Maskos 2023). Eine nichtbehinderte „Normalität“, die eng mit Leistungsorientierung und Individualismus verknüpft ist, wird dabei in allen Lebensbereichen vorausgesetzt (Maskos 2023).

    Obwohl diese „Normalität“ der vollkommenen Autonomie für keine Person erreichbar ist, identifiziert der Ableismus das Scheitern daran explizit mit behinderten Menschen und macht es so möglich, mit ihnen auch die Vorstellung der Abhängigkeit zum Abjekt zu machen. So kommt es auch zur Unsichtbarkeit behinderter Menschen in gesellschaftlichen Diskursen, sozialen Beziehungen, Kunst, Lohnarbeit, Wissenschaft, Politik und allen anderen Feldern (Mintz 2015: 113).

    Schluss

    Hedva definiert den menschlichen Körper als „a thing that needs“ (Hedva 2024: 5). Er braucht Schlaf, Essen, Pflege, aber auch Gemeinschaft, Verbindung, Interaktion (Hedva 2024). Er ist abhängig.

    Behinderte Menschen werden als abjekte Andere aus der Gesellschaft ausgeschlossen, weil dadurch die Erinnerung an die eigene Verletzlichkeit, Fehlbarkeit und Endlichkeit verdrängt werden kann. In ihrer prekären Situation fehlen ihnen wiederum viele Mittel der Teilhabe. Sei es, weil sie sich nicht in Betriebsräten oder Streikbewegungen organisieren können, sei es, weil sie von Armut betroffen sind. So vollzieht sich wiederrum ihre konkrete Abjektion.

    Wenn aber unser aller Körper, wie Hedva sagt, durch ihre Abhängigkeit definiert sind und nicht nur manchmal von ihr beeinflusst werden, dann sollten wir uns dieser Tatsache bewusst werden und unsere Welt und ihre Barrieren daran anpassen (Hedva 2024: 52). Zum Wohle aller, nicht nur derer, die wir als behindert klassifizieren und ausschließen.

    Bis dahin bleibt das Leben in einem als behindert bezeichneten Körper und Geist ein verkörperter politischer Akt, auch wenn oder vielleicht, gerade weil er unsichtbar gemacht wird.

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    Literatur

    Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, 2018: Die UN-Behindertenrechtskonvention. Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung.

    Decker, O., J. Kiess, A. Heller & E. Brähler, 2024: Vereint im Ressentiment: Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen. Leipziger Autoritarismus Studie 2024.

    Hedva, J., 2024: How to tell when we will die. On pain, disability, and doom. New York: Hillman Grad Books.

    Maskos, R., 2023: Ableismus und Behindertenfeindlichkeit. Diskriminierung und Abwertung behinderter Menschen. https://www.bpb.de/themen/inklusion-teilhabe/behinderungen/539319/ableismus-und-behindertenfeindlichkeit/ (7.3.2025Uhr).

    Mintz, S.B., 2015: Invisibility. 113f in: R. Adams, B. Reiss & Serlin David (Hrsg.), Keywords for Disability Studies. New York, London: New York University Press.

    Müller, B., 2018: Wert-Abjektion. Care-Arbeit, Care-Abhängigkeit und die Konstruktion von ›Weiblichkeit‹. Freise Assoziation 21: 9–29.

    Schramme, T., 2003: Psychische Behinderung: Natürliches Phänomen oder soziales Konstrukt? S. 53–82 in: G. Cloerkes (Hrsg.), Wie man behindert wird. Texte zur Konstruktion einer sozialen Rolle und zur Lebenssituation betroffener Menschen: Edition S.